
PREMIERE 24. September 2026 (Spieltermine: 24. September bis 11. Oktober 2026)
SPIELORT Sophiensæle Berlin, Sophienstraße 18, 10178 Berlin
KOPRODUKTION Sophiensæle Berlin | Basierend auf der Koproduktion mit brut Wien
GEFÖRDERT durch die Kulturstiftung des Bundes. Gefördert von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Gefördert durch das Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS) und die Stadt Wien. Gefördert durch die Ilse und Dr. Horst Rusch-Stiftung und die Between Bridges Stiftung.
MEDIENPARTNER*INNEN Missy Magazine, Siegessäule, taz, Yorck Kinogruppe
TEAM
Künstlerische Leitung, Konzept & Regie Martin Finnland Buch Teresa Löfberg Co-Autor*innen Gisa Fellerer (Mitarbeit Stückentwicklung), Martin Finnland, Lorenz Tröbinger Kaufmännische Leitung & Dramaturgie Tove Grün Technische Leitung Lukas (Lupo) Saller, Johannes Felber Technische Dramaturgie Lorenz Tröbinger Choreographie Jerôme Knols basierend auf Marcelo Doño Szenographie Andrea Konrad Kostüm Sophie Eidenberger basierend auf Dritan Kosovrasti Komposition Julian Muldoon Song-Texte Sarah Muldoon Produktion Wien Chiara Seide Produktion Berlin Gioia Morgan Musikkuratierung & Video Alkis Vlassakakis Sounddesign Lorenz Tröbinger & Alkis Vlassakakis
Wissenschaftliche Mitarbeit Lotta Beckers (Berlin), Andreas Brunner (QWIEN), Jürgen Pettinger, Hannes Sulzenbacher (QWIEN) Mitarbeit Regie Marlo Pichler Inspizienz Sophie Eidenberger, Tove Grün, Gioia Morgan Kaufmännische Assistenz Chiara Seide Consulting Magie Raphael Macho Team Szenographie Louise Pons, Valerie Stötzer Kommunikation Christopher Wurmdobler Grafik Rita Neulinger Fotografie Alexandra Thompson Archiv und Anträge Martin Walkner Büro und Buchhaltung Doris Panzer
Kuratierung & Moderation Queer CUNTine Heinrich Horwitz
Recherche Kieztour Elias Capelle, Gisa Fellerer, Steff Hauser, Heinrich Horwitz
Redaktion Hintergründe Gisa Fellerer
BESETZUNG
Die Namenlosen Gisa Fellerer (Die G.), Martin Finnland (Der F.), Romy Hrubeš (Die R.), Willy Mutzenpachner (Der W.), Stefan Pauser (Der P.), Mio Wendelin Riedl (Der S.), Géraldine Schabraque (Die K.), Christopher Wurmdobler (Der C.); Felizitas Navidad (Claire)
Die Anderen Laura Athanasiadis (Hedwig Glück), Knut Berger (Arthur Nesterval), Rita Brandneulinger (Anna Binder), Marcel Jacqueline Gisdol (Eduard Glück), Peter Kraus (Pfarrer Harald Poelchau), Aston Matters (Martha Nesterval), Chris Pfannebecker (Obersturmbannführer Dietrich Wagner), Sabrina Strehl (Traudl Jungmann), Lorenz Tröbinger (Blockwart), Alkis Vlassakakis (Viktor Eckardt), Martin Walkner (Kommissar Martin Mayerhof)
Abendspielleitung/Inspizienz Sophie Eidenberger, Tove Grün, Gioia Morgan
DANKSAGUNG
Großer Dank an das gesamte Team der Sophiensæle.
Extra Dank an das Technik-Team der Sophiensæle (Benjamin Schälike, Dennis Schönhardt, Fabian Stemmer, Falk Windmüller, Fynn Meinhardt, Lui Marschewski, Nick Heedemann, Ragna Knebel, Solveig Jacobi, Walter Freitag, Arnaud Lesage, Aurora Rodriguez, Asli Atasoy Öner, Cesar Balleyguier, Conradin Dreßler, Elmar Novatschkov, Ernesto Hernandez, Gustav Kleinschmidt, Ignacio Buquete, Ini Dill, Kristin Giebeler, Marian Kipphoff, Mark Loughrey, Michael Brinkworth, Özcan Ertek, Veit Mahnert, Werner Kernebeck, Yvonne Reitinger).
Besonderer Dank an Miriam Hie, Peter Hörmanseder und Alexandra Thompson (Tonaufnahmen), Angela Alves und Annakathrin Walter (für die Nutzung ihrer Recherche bei der Ausstattung), Eike Wittrock (für die Nutzung seiner Recherche zu den Olympischen Sommerspielen 1936), Schallplatten Antiquariat Streif (für die Überlassung von Schellackplatten); an die Freund*innen von Nesterval, insbesondere der Obfrau Andrea Lenk und Vize Markus Kellner sowie den Unterstützer*innen Michael Brantner, Sara Chafi, Richard Comploi-Taupe, Oleg Elkin, Theo Enzelberger, Johannes Felber, Martin Hinterndorfer, Andreas Kauba, Kaya Alina Knapp, Philipp Leitenbauer, Julia Polz, Rohr Elisabeth Real Estate e.U., Sabine (Peter) Sammer, Maria Sibilia, Gerald Timelthaler, Sylvia Waldstätten, Tobias Walka und Thomas Zedrosser sowie René Lipkovich (SLT Siart Lipkovich + Team GmbH & Co KG), Helmut Patterer (PRBS Patterer e.U.) und Nikolaus Vogler (PHKV Rechtsanwälte).
Fotografie: © Alexandra Thompson für Nesterval 2026
NIEMALS VERGESSEN. NESTERVAL GEGEN HASS UND INTOLERANZ
Mit dem Projekt „Die Namenlosen“ (UA: 2023), „Die Namenlosen. Verfolgt in Hamburg“ (2023), „Der Rosa Winkel. Die Geschichte der Namenlosen“ (2024) und der Berliner Uraufführung „Nestervals Eldorado“ will Nesterval als queere Volkstheater-Guerilla den Kampf gegen das Vergessen aufnehmen und ein immersives Stück inszenieren, das für eine weltoffene, tolerante und diskriminierungsfreie Welt steht. Denn auch, wenn Nestervals Heimatstadt Wien durch gleichgeschlechtliche Ampelpärchen, eine Vielzahl an Regenbogen-Fußgängerstreifen, die Wiener Antidiskriminierungsstelle (WASt) oder die alljährliche Regenbogenparade österreich- und europaweit wohl eine Vorreiterrolle in Sachen LGBTIQA+ einnimmt und man das Gefühl bekommt, dass alles in Ordnung sei, so ist diese Schlussfolgerung wohl zu kurz gefasst und trügerisch.
Angesichts des Rechtsrucks, den aktuell weltweit viele Länder erfahren, und wenn fadenscheinige Gesetze zur Beschränkung des Lebens in Homo- oder Transsexualität in Kraft treten – so gilt es auch für uns als Theatermacher*innen zu handeln und ein Zeichen gegen Hass und Intoleranz zu setzen.
Es muss auf die Situation jener Menschen aufmerksam gemacht werden, die aktuell unter homo- oder transphoben Angriffen, Diskriminierung und Hassverbrechen leiden und diese Verbrechen aus Scham, aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen oder wegen der politischen Situation verschweigen. Auch in Berlin liest man in den Polizeiberichten täglich von Angriffen auf Menschen, die „anders als die Anderen“ sind. Laut der 2020 von der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte veröffentlichten Studie „EU-LGBTI II Survey: A long way to go for LGBTI equality“ erfuhren 43 Prozent aller befragten LGBTIQA+ Personen persönlich Diskriminierung oder Belästigung wegen ihrer sexuellen Identität und 11 Prozent der Homosexuellen sowie 17 Prozent der Transgender-Personen wurden innerhalb der letzten fünf Jahre wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität körperlich oder verbal angegriffen.
In Berlin wurden – laut der Lagedarstellung zur politisch motivierten Kriminalität in Berlin im Jahr 2025 – 587 queerfeindlich motivierte Straftaten, darunter 109 Gewaltdelikte, 33 Propagandadelikte, 445 sonstige Delikte (etwa Beleidigungen, Bedrohungen oder Sachbeschädigungen) angegeben.
Die Beratungsstelle MANEO registrierte für 2025 723 Fälle und Hinweise mit LSBTIQ+-feindlichem Bezug: „Diese bilden eine Teilmenge der insgesamt 1.014 neu eingegangenen Meldungen (2024: n=904) ab, die MANEO gesichtet und dokumentiert hat – hier ein neuer Höchststand. Von den 723 Fällen und Hinweisen haben wir 446 Fälle ausgewertet, davon 356 Fälle mit Tatort Berlin (2024: n=384). Von den verbliebenen 277 Hinweisen fehlten uns genauere Eckinformationen, beispielsweise Tat-Zeiten, Tat-Orte und Tat-Zusammenhänge, Tat-Geschädigte oder ob die Meldungen angezeigt wurden oder nicht. In der Vergangenheit waren wir in der Lage gewesen, unsere Hinweise mit der Polizei abzugleichen, auch um Doppelzählungen zu vermeiden. Deutlich zeigt sich, dass sich eine große Anzahl an Übergriffen erneut in den öffentlichen Räumen zugetragen hat. 165 Fälle (2024: n=158) ereigneten sich auf öffentlichen Straßen oder in Bereichen des öffentlichen Nahverkehrs. Die Sichtbarkeit schwuler und bisexueller Männer, Lesben sowie Trans* und nicht-binärer Personen im öffentlichen Raum war allein ursächlich für Übergriffe; sie birgt ein hohes Risiko, allein deshalb beleidigt, gedemütigt oder körperlich angegriffen zu werden. (…) Gegenüber dem Vorjahr haben wir erneut über 1.000 Fälle und Hinweise zusammengetragen und bearbeitet. Gegenüber dem Vorjahr liegt die Anzahl mit 1.066 um 15 Fälle und Hinweise unter der des Vorjahres (2024: n=1.081). Seit Bestehen von MANEO haben wir in den letzten zwei Jahren noch nie so viele Fälle und Hinweise zusammengetragen.“
Berliner Register berichtet in einer Auswertung für 2025: „Im Bundestagswahlkampf 2025 wurde gefordert, das Selbstbestimmungsgesetz zurückzunehmen. In dieser Zeit richtete sich mehr als jeder vierte erfasste queerfeindliche Aufkleber in Berlin gegen das Selbstbestimmungsgesetz oder allgemein gegen trans Menschen. Wenige Wochen nach der Konstituierung des Deutschen Bundestags wurde die Beflaggung mit der Regenbogenfahne untersagt und betont, der Bundestag sei ‚kein Zirkuszelt‘. Das verstärkte in der LGBTIQ*-Community die Sorge vor einem Abbau staatlicher Maßnahmen für queere Sichtbarkeit und Sicherheit. Kürzungen bei Angeboten queersensibler Jugendarbeit und im Bundesprogramm ‚Demokratie leben!‘ bestärken diesen Eindruck.“
Und: Auch heute noch werden einvernehmliche gleichgeschlechtliche Handlungen in 66 Staaten und Rechtsordnungen strafrechtlich verfolgt. In zwölf Rechtsordnungen kann dafür sogar die Todesstrafe verhängt werden.
Diese Fakten und Statistiken, die aktuellen Entwicklungen in zahlreichen Ländern, begründen für uns eine künstlerische Pflicht und einen gesellschaftspolitischen Auftrag: Wir wollen ein Projekt verwirklichen, das sich diesem Themenbereich entschieden und sichtbar widmet.
Hier ist’s richtig!
Das Stück „Nestervals Eldorado“ setzt sich nun mit der Verfolgung und Ermordung homosexueller Menschen während der Zeit des Nationalsozialismus in Berlin auseinander und wird in Koproduktion mit den Sophiensælen Berlin – basierend auf einer Koproduktion mit dem brut Wien, die wissenschaftliche Begleitung von QWIEN erfahren durfte – realisiert. Der Titel der Produktion nimmt Bezug auf ein verlorenes Eldorado – auf ein diverses Leben in der Weimarer Republik sowie auf die gleichnamige Lokalität, die im Dezember 1932 auf Anordnung des Berliner Polizeipräsidenten geschlossen wurde.
#NIEMALSVERGESSEN

Zu dieser Produktion gibt es ein umfangreiches Vermittlungs- und Begleitprogramm mit Kiez-Touren, Historischen Stadtrundgängen, Workshops sowie die Queer CUNTine: An den drei Samstagen im Anschluss an die Vorstellungen von „Nestervals Eldorado“ lädt der/die Regisseur*in, Schauspieler*in, Kurator*in und Aktivist*in Heinrich Horwitz ab 23.00 Uhr Berliner Künstler*innen verschiedener Generationen ein, um gemeinsam queere Vorkämpfer*innen, Ahn*innen und Mythen zu beschwören, die Gegenwart zu zelebrieren und eine Zukunft zu imaginieren. Es entstehen drei unterschiedliche Bar-Abende mit Musik, Drag, Stand Up und Performance – nicht nur für das Publikum, das vorher im Theater war, sondern für alle!
Tickets: nach Verfügbarkeit (€ 3/€ 5) ausschließlich an der Abendkasse ab ca. 22.30 Uhr!
Eine Produktion von Heinrich Horwitz in Koproduktion mit Sophiensæle.
Mit freundlicher Unterstützung der Friends of Nesterval.
Foto Queer CUNTine: © Maria Bolz
DETAILPROGRAMM 26.09./03.10./10.10.
26.09., 23:00
Queer CUNTine: Death and Salvation / THE PAST
Zu Gast: Heinrich Horwitz, Rosa Wernecke, Maria Magdalena Emmerig und Maria Walser sowie Shlomi Moto Wagner
Programm Queer CUNTine 26.09.
03.10., 23:00
Queer CUNTine: Queens of the Circus / THE PRESENT
Zu Gast: Meo Wulf, Tubi Malcharzik, Maciej Sado
Programm Queer CUNTine 03.10.
10.10., 23:00
Queer CUNTine: Requiem for the edges / THE FUTURE
Zu Gast: Kinga Ötvös, Marie Rosa Tietjen, Melanie Jame Wolf
Programm Queer CUNTine 10.10.
HINTERGRÜNDE
Im folgenden Abschnitt finden sich Informationen zum Stück, eine Chronologie, die tragische Facts von einer möglichen, aber tatsächlich nicht passierten Fiction unterscheidet, sowie weitere Informationen zur Umsetzung und zur Herangehensweise.
SYNOPSIS DIE GESCHICHTE DER NAMENLOSEN
Unsere Geschichte über acht namenlose Charaktere, die nur mit einem einzelnen Buchstaben benannt werden, beginnt 1934, kurz nach der Ermordung von Ernst Röhm, Führer der Sturmabteilung (SA). Namenlos sind sie, weil kein einziger Charakter ausschließlich auf einem Schicksal einer realen homosexuellen Person in der Zeit des Nationalsozialismus basiert, sondern für zahlreiche Biographien steht. Im Verlauf des Stückes verschwinden die Namenlosen nach und nach, sei es durch Abreise oder Tod.
Und es gibt die Anderen, elf ebenso auf den Geschehnissen jener Zeit basierenden Figuren, mit denen die Namenlosen in unterschiedlichster Weise mehr oder minder freiwillig oder familiär verbunden sind. Da ist der „Schwulenjäger“ Kommissar Martin Mayerhof mit seiner Sekretärin Traudl Jungmann, Obersturmbannführer Dietrich Wagner und die Zimmervermieterin Anna Binder sowie inmitten aller der liberale Pfarrer Eduard Köck. Kommissar Mayerhof hat es sich zum Ziel gemacht, sein Revier rund um das Scheunenviertel „schwulenrein“ zu machen und setzt an verschiedenen Punkten an, einerseits durch Verhöre (wie es bei der Geheimen Staatspolizei üblich war), aber auch durch Lock-Aktionen in Badehäusern (wie es die Kriminalpolizei gemacht hat).
Zentrum des Stücks ist die Kantine der Druckerei der Porzellanfabrik Nesterval in den Sophien Sälen im Berliner Scheunenviertel. Während die Belegschaft hier tagsüber zum Mittagstisch zusammentrifft, erwacht dieser Ort nachts zu einem ganz anderen Leben. Hier finden sich die Namenlosen zu geheimen konspirativen Treffen ein – oder auch zu beschwingten Tanzabenden.
Von den Charakteren der Familie Nesterval begegnen wir im Stück zunächst Martha Nesterval. Sie ist im Auftrag ihrer Tochter Magda, die überzeugte Nationalsozialistin geworden ist, vor Ort und kümmert sich pro forma um die Geschäfte der Porzellanmanufaktur. Sie ist in zweiter Ehe mit dem grausamen Arzt Arthur Nesterval verheiratet und nimmt sich – zusammen mit ihrem Gatten, allerdings auf denkbar unterschiedliche Weise – ihres Neffen S. an. Dieser ist am Anfang des Stücks überzeugter Nationalsozialist, wird aber durch das Umfeld seiner Tante und im Laufe der Zeit seine Sicht auf das Regime ändern und zumindest für eine kurze Zeitspanne neue Freundschaften schließen.
Darunter finden sich W. und P., beide Angestellte der Druckerei. Während W. offensichtlich ein leidenschaftliches Leben als „Lump“ und „Luder“ führt, lebt P. ein schwules und vor allem proletarisches Leben mit seinem Vater Eduard Glück und seiner Schwester Hedwig. Herr Glück kämpft nicht nur (bis zu seinem Tod) mit Magenkrebs, sondern auch mit der Ambivalenz, einerseits Vater eines „Warmen“ und andererseits einer Tochter zu sein, die sich zunächst sehr für die NS-Frauenschaft oder den Bund deutscher Mädel (BDM) begeistert. Hedwig versucht, ihren Bruder zu schützen, will aber auch an den „deutschen Werten“ festhalten. Gestärkt werden diese von ihrem Verlobten, dem späteren Blockwart Paul Lopek.
Zu den Namenlosen gehören weiters die berühmte Filmschauspielerin R. und ihr homosexueller Ehemann F., ein Reise- und Portraitfotograf; die beiden leben als Tarnung in einer sogenannten „Josefsehe“. Sowie G., die Geliebte der R., die vor dem Krieg ebenfalls als Theaterschauspielerin gearbeitet hat.
G. wiederum lernt bei den Namenlosen K. kennen, einst (in einem anderen Leben) geboren als Heinrich Eckardt. K. lebt in Berlin das Leben einer Frau und ist Mitarbeiterin des schwulen Modesalon-Besitzers C. – und hier beginnt auch bald das Unglück, als Viktor Eckardt, der Vater der K., nach Berlin kommt, um seinen „Sohn“ zu suchen.
Immer mehr beginnen sich die Geschichten mit- und ineinander zu verweben. Als der Fotograf F. verhaftet wird, verrät seine verzweifelte Ehefrau R. das Versteck der K., um ihren Mann aus dem Gefängnis zu befreien. K. wird daraufhin festgenommen – und verschwindet. Ihr Vater reist etwas später enttäuscht und unversöhnt ab. Die Situation für die Namenlosen wird immer gefährlicher, dazu kommen die Schließungen der einstigen Treffpunkte wie etwa Lokale, die Verschärfungen der Gesetze zur Verfolgung queerer Menschen (§ 175), der Kriegsausbruch und eine generelle Stimmung im Land. Auch P. wird gefasst und ermordet. Als sich F. versehentlich dem dem Nationalsozialismus verfallenen Arzt und Gatten der Martha Nesterval, Arthur Nesterval, im Badehaus annähert, kann auch er nicht gerettet werden.
Gebrochen am Verlust seines Sohnes P. nimmt sich Eduard Glück das Leben. Als die Bomben auf Berlin fallen, geht es Schlag auf Schlag. Während W., der im verzweifelten Hoffen, verschont zu werden und unter dem Druck der Nationalsozialisten eine „freiwillige (sic!) Entmannung“ (Kastration) vornehmen lässt, und später selbst die vorsichtige, aber politisch aufgewühlte G. verschwindet, werden Arthur Nesterval und Paul Lopek spät aber doch einberufen. Hedwig, die sich von ihrem Verlobten entfremdet hat, beschließt, eine jüdische Freundin aus Kindheitstagen zu suchen. Als der ängstliche und stets achtsame C. verraten wird, beschließt R. zu fliehen. Und selbst Obersturmbannführer Dietrich Wagner muss irgendwann erkennen, dass der Krieg von den Deutschen nicht gewonnen werden kann und macht sich auf den Weg nach Südamerika.
Übrig bleiben der Kriminalbeamte Martin Mayerhof und seine Sekretärin Traudl Jungmann, die stolz auf die „erfolgreiche Arbeit“ im Viertel zurückblicken, weiters die neugierige Nachbarin Anna Binder, die nach ihrer Denunziation Reue zeigt und Martha Nesterval mit S., ihrem Neffen. Doch entgegen ihrer Bitte und nicht auf die verzweifelten Ratschläge seiner Tante hörend, flieht S. nicht mit der Schauspielerin R. und wird daher als Letzter der Namenlosen von Mayerhof verhaftet und als Kanonenfutter an die Front geschickt. Der Pfarrer Harald Poelchau steht allen Namenlosen in ihrer letzten Stunde bei und dokumentiert ihre Schicksale für die Nachwelt.
Am Ende des Stückes erwachen manche aus ihrem Rausch und ihrem Wahn, andere wenden sich ab von der Quelle der Verblendung oder schließen einfach ganz fest ihre Augen, werden ihre Rollen tauschen und weiterleben. Doch alle stehen sie vor Ruinen – ihrer Häuser, ihrer Leben, ihrer Hoffnungen.
Und schließlich: Der Friedhof – als Sehnsuchtsort für jene Entscheidungen, die man nicht getroffen hat, als Erinnerungsort an jene, die bis heute namenlos geblieben sind, als Mahnmal gegen das Vergessen – wird in Nebel getaucht. Und irgendwie, irgendwo, irgendwann ertönen die Lieder einer vergangenen Zeit, eines Lebens, das es nicht geben durfte, weil niemand Platz hatte, der anders dachte, glaubte oder liebte.
ORIGINAL ZITATE VON ÜBERLEBENDEN
„Die Lektion des Lebens ist – zu lernen, alleine zu sein […] Sonntagabend. Lange am Fenster gestanden. Das Alleinsein wird mir so schwer – und dabei die unerreichbare Schönheit der Menschen, zwischen denen ich lebe. Wenn ich nur weinen könnte über das eigenartige Leben, in das mich ein eigenartiger Gott mit meinem wunderlichen Herzen gestellt hat. Aus welchem Grund? Für welche Erfüllung lebe ich?“
Willem Androneus (1894–1943) war ein niederländischer Widerstandskämpfer. Tagebucheintrag. Quelle: Lutz van Dijk, Einsam war ich nie. Schwule unter dem Hakenkreuz 1933–1945, Berlin 2003, S. 12.
„Ich lebte schon seit Jahren mit meiner Freundin zusammen. Manchmal munkelten die Leute: ‚Haben die was zusammen?‘ Als das Dritte Reich ‚ausbrach‘ hieß es dann bösartig: ‚Die haben doch was zusammen!‘ Da waren die Hauswarte und Blockwarte, die in unser Privatleben ‚hineinleuchteten‘ und Meldungen erstatten sollten.“
Zitat einer Berliner Modezeichnerin. Quelle: Claudia Schoppmann, Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im „Dritten Reich“, Berlin 1993, S. 15.
„Ich habe mich nie als ‚Opfer‘ betrachtet, sondern immer als ‚Kämpferin‘.“
Hilde Radusch (1903–1994) war eine deutsche Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, kommunistische und sozialdemokratische Politikerin, Frauenrechtlerin und lesbische Aktivistin. Quelle: Claudia Schoppmann, Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im „Dritten Reich“, Berlin 1993, S. 41.
„Während wir am Boden kauernd hantierten, sah ich von der Seite das graue, müde Profil dieser Frau, die sich stumm über den Rucksack beugte. Das rechtlose Ausgeliefertsein dieses Menschen an eine brutale Macht griff mir in diesem Augenblick überwältigend ans Herz. Plötzlich hörte ich eine Stimme. ‚Das darfst du nicht zulassen‘, sagte es irgendwoher … Ich griff nach der Hand von Lilli. ‚Schluß damit, räum das Zeug weg, das ist alles unsinnig, du gehst heute Abend nicht dorthin zurück, du bleibst bei mir jetzt und weiterhin.‘ Unbeschreiblich und unvergesslich der Ausdruck des Gesichtes, das sich mir voll zuwandte. Die fassungslos aufgerissenen Augen, der sprachlose Mund, unter Tränen ein verunglücktes Lächeln …“
Dorothea Neff (1903–1986) versteckte von 1941 bis 1945 ihre jüdische Freundin in ihrer Wiener Wohnung. Quelle: Peter Kunze, Dorothea Neff. Mut zum Leben, Wien 1983, S. 93–94.
„Bei der Polizei habe ich vielleicht viel gesagt. Beim Sondergericht wurde ich wegen Unzucht wider die Natur in 18 Fällen zum Tode verurteilt, obwohl ich nur mit 5 Männern zu tun hatte. Ich wurde auch wegen Erpressung verurteilt und habe gar nicht erpresst. Ich wurde bereits einmal wegen Unzucht zu einem Jahr verurteilt. Jetzt kostet es mich das Leben. Ich muss mit 21 Jahren sterben für Sachen, die ich gar nicht begangen habe.“
Franz Doms, Landgericht Wien (Zeugenaussage), 10. November 1943, aus: Jürgen Pettinger, Franz. Schwul unterm Hakenkreuz, Wien 2021, S. 163.
„Ich mag es nicht, wenn über uns Schwule immer nur Trauergeschichten erzählt werden. Ich bin für meine Homosexualität mehr als einmal blutig geschlagen worden, aber es ist doch mehr als absurd, dass ein so wertvolles Gefühl wie Liebe überhaupt bestraft wird. Ich kann sagen, ich hatte deshalb nie Schuldgefühle oder gar Minderwertigkeitskomplexe. Warum denn?“
Friedrich-Paul von Großheim (1906–2006) war ein deutscher Kaufmann und wurde aufgrund seiner politischen Einstellung und seiner Homosexualität verfolgt. Quelle: Lutz van Dijk, Einsam war ich nie. Schwule unter dem Hakenkreuz 1933–1945, Berlin 2003, S. 21.
CHRONOLOGIE BERLIN, BERLIN
1871 § 175 wird in das Strafgesetzbuch des Deutschen Reichs aufgenommen. Er stellt sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. In veränderter Form bleibt der Paragraf bis 1994 bestehen.
1897 Magnus Hirschfeld und Mitstreiter gründen in Berlin das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee. Es gilt als weltweit erste Organisation, die für die Entkriminalisierung männlicher Homosexualität eintritt.
AD SOPHIENSÆLE 1903 Erich Mühsam veröffentlicht die Streitschrift „Die Homosexualität“, distanziert sich jedoch noch im selben Jahr von Teilen des Textes. Gegen die Strafverfolgung homosexueller Männer nach § 175 tritt er weiterhin ein.
AD SOPHIENSÆLE 1904/05 Der Berliner Handwerkerverein errichtet das heutige Haus in der Sophienstraße 18. Es umfasst Säle, Schulungsräume, Bibliothek, Restaurant und Kegelbahnen und dient Bildung, Unterhaltung und politischen Versammlungen.
AD SOPHIENSÆLE 1910er-Jahre Neben Konzerten, Tanzabenden und Theater ist in den Sophiensælen auch jiddisches Theater zu sehen. Das Haus liegt in der stark vom jüdischen Leben geprägten Spandauer Vorstadt.
1918–1933 In der Weimarer Republik entstehen queere Vereine, Zeitschriften und Lokale. Trotz größerer Sichtbarkeit bleibt § 175 bestehen. 1921 übernimmt Adolf Hitler den Vorsitz der NSDAP.
AD SOPHIENSÆLE 1918–1933 Die Sophiensæle werden zu einem bedeutenden Ort der revolutionären Linken. Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Clara Zetkin, Wilhelm Pieck und der anarchistische Dichter Erich Mühsam treten hier auf.
AD SOPHIENSÆLE 1910 In einem Prozess wegen „Geheimbündelei“ hält die Anklage Erich Mühsam auch seine Reisen mit dem offen homosexuellen Schriftsteller Johannes Nohl vor. Mühsam wird freigesprochen; seine eigene sexuelle Identität bleibt ungeklärt.
1919 Magnus Hirschfeld gründet in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft. Es verbindet Forschung, Beratung und Sexualreform und wird zu einem wichtigen Zufluchtsort für homosexuelle und trans* Menschen.
1923 Am 5. November beginnt das Scheunenviertelpogrom: Ein antisemitischer Mob überfällt jüdische Menschen, plündert Geschäfte und Wohnungen und verletzt zahlreiche Bewohner. Die Polizei greift erst spät ein.
1933 Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler schließt die Berliner Polizei zahlreiche queere Lokale. Zeitschriften und Organisationen werden verboten oder zerschlagen, ihre Mitglieder verfolgt. Ein umfassendes Verbot von „Schankwirtschaftsbetriebe[n], in denen ausschließlich oder überwiegend Personen verkehren, die der widernatürlichen Unzucht huldigen“, erging durch den Zweiten Runderlass des Preußischen Ministers des Innern vom 23. Februar 1933.
AD SOPHIENSÆLE 1933 Die Nationalsozialisten verhaften Erich Mühsam. Zugleich wird der Berliner Handwerkerverein verboten und das Haus geschlossen. Der verschuldete Verein kann das Gebäude nicht mehr halten.
6./10. Mai 1933 Am 6. Mai plündern nationalsozialistische Studenten und SA-Angehörige Hirschfelds Institut. Am 10. Mai werden Teile der Bibliothek auf dem Berliner Opernplatz verbrannt.
1934 Nach der Ermordung Ernst Röhms und weiterer SA-Führer am 30. Juni 1934 verschärft das NS-Regime die Verfolgung homosexueller Männer. Die als „Röhm-Putsch“ verschleierte Mordaktion richtet sich auch gegen politische Gegner und wird nachträglich als „Staatsnotwehr“ legitimiert. Röhms (seit langem) bekannte Homosexualität dient dabei der Propaganda. SS und Gestapo übernehmen zunehmend die Verfolgung; Ende 1934 beginnen in Berlin und München große Razzien und Verhaftungen.
AD SOPHIENSÆLE 10. Juli 1934 Erich Mühsam wird im Konzentrationslager Oranienburg von SS-Angehörigen ermordet. Die Nationalsozialisten versuchen, seinen Tod als Suizid darzustellen.
1935 Die verschärfte Fassung des § 175 stellt nahezu jede als sexuell gedeutete Handlung zwischen Männern unter Strafe. § 175a sieht für bestimmte Tatbestände Zuchthausstrafen von bis zu zehn Jahren vor. Blickkontakte oder Liebesbriefe waren nicht ausdrücklich im Gesetz genannt, konnten aber als Indizien dienen. § 175a erfasste unter anderem Gewalt, Abhängigkeit, männliche Prostitution und Kontakte mit Männern unter 21 Jahren.
April 1935 Eine Generalversammlung der Turn- und Sportvereinigung Groß-Berlin in den Sophiensälen wird von der SA gewaltsam aufgelöst. Zahlreiche Teilnehmer werden verhaftet, der Verband anschließend zerschlagen.
1936 Himmler gründet die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung“. Sie sammelt Daten über verdächtigte Männer und koordiniert polizeiliche Verfolgungsmaßnahmen.
1937 Die SS erklärt homosexuelle Männer zu „Staatsfeinden“. Wiederholt Verurteilte können nach der Gefängnishaft in ein KZ eingewiesen werden.
1938 Österreich wird dem Deutschen Reich angegliedert. In den Konzentrationslagern setzt sich die Kennzeichnung homosexueller männlicher Häftlinge durch den rosa Winkel durch; die Praxis ist nicht überall einheitlich.
November 1938: Angehörige von SA, SS und Hitlerjugend zerstörten landesweit über 1.400 Synagogen, Beträume sowie mehr als 7.500 jüdische Geschäfte und Wohnungen, Hunderte Menschen wurden direkt ermordet oder starben an den Folgen der Misshandlungen – offizielle NS-Zahlen sprachen von 91 Toten, die historische Forschung geht von über 1.500 Todesopfern aus.
1939 Mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnt am 1. September der Zweite Weltkrieg. Hitler behauptet im Reichstag wahrheitswidrig: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen.“
1940 Himmler ordnet an, bestimmte als „Verführer“ eingestufte homosexuelle Männer nach der Strafhaft in „Vorbeugungshaft“ zu nehmen. Dies ermöglicht ihre zeitlich unbefristete Einweisung in ein Konzentrationslager.
AD SOPHIENSÆLE 1940 Das Handwerkervereinshaus wird zwangsversteigert und geht in privaten Besitz über. In den folgenden Kriegsjahren dient der Gebäudekomplex als Unterkunft und Arbeitsstätte für ausländische Zwangsarbeiter*innen – eine „Ausbeutungsstätte für ausländische Zwangsarbeiter“, wie eine 1987 am Haus angebrachte Gedenktafel besagt.
1940–1945: Bombenkrieg Berlin wird mehr als 350-mal aus der Luft angegriffen. Die schwersten Angriffswellen erfolgen 1943 bis 1945. Am 21. April 1945 stellen die Westalliierten ihre Luftangriffe auf die Stadt ein.
1941 Ein „Führer-Erlass“ sieht für homosexuelle Handlungen von Angehörigen der SS und Polizei in besonders schweren Fällen die Todesstrafe vor.
Oktober 1941 Von Berlin aus beginnen die systematischen Massendeportationen jüdischer Menschen. Tausende werden in Ghettos und Vernichtungslager verschleppt; zahlreiche Berliner*innen werden Zeugen.
1942 Auf der Wannsee-Konferenz koordinieren hohe Funktionäre die europaweite Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung.
AD SOPHIENSÆLE 1942 Die zwanzigjährige Ukrainerin Sergienko Evdokija Petrowna wird aus einem Dorf bei Dnipropetrowsk nach Berlin verschleppt. Auf dem Gelände der Sophiensäle muss sie vermutlich für die Papierfabrik Franz Grimm arbeiten. 1991 bat sie über die Menschenrechtsorganisation Memorial die Arolsen Archives um einen Nachweis ihrer Zwangsarbeit, um Entschädigung beantragen zu können – fünf Jahre später kam die Antwort: Es sei kein Nachweis gefunden worden.
1943 Die Luftangriffe auf Berlin nehmen stark zu. Britische Bomber greifen vorwiegend nachts, US-amerikanische Verbände tagsüber an. Ende 1943 beginnt die besonders schwere „Luftschlacht um Berlin“.
AD SOPHIENSÆLE 1943 Eine Liste des Gesundheitsamts Mitte verzeichnet in der Sophienstraße 18 insgesamt 69 Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Etwa 50 überwiegend junge Frauen aus der Ukraine und anderen Teilen der Sowjetunion leben auf der teilweise zugemauerten Empore. Im Festsaal müssen sie nationalsozialistische Propagandaflugblätter herstellen, weitere etwa 20 Männer aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden sind in einem eigenen Raum untergebracht. Sie müssen in der Maschinenfabrik Karl Jung in der Köpenicker Straße arbeiten. Organisiert wird die Arbeit im Festsaal von der Papierfabrik Franz Grimm, vermutlich im Auftrag der Druckerei und des Verlags Otto Elsner. Produziert werden unter anderem Flugblätter für die sogenannte Wlassow-Armee. Den Verlag Otto Elsner gibt es bis heute (2026) – er publiziert u.a. zu Arbeitsrecht (sic!).
AD SOPHIENSÆLE Februar 1943 Während der „Fabrikaktion“ lässt die Gestapo die meisten noch in Berlin eingesetzten jüdischen Zwangsarbeiter*innen verhaften und deportieren. Ausländische Zwangsarbeiter*innen sollen ihre Arbeitsplätze übernehmen. – Rund 500.000 Menschen müssen während des Krieges in Berlin Zwangsarbeit leisten. Über 3.000 Lager und Unterkünfte befinden sich in Baracken, Fabriken, Kellern, Wohnungen und Sälen.
19. März 1943 Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, gibt einen Runderlass heraus, wonach die Polizeihaft höchstens drei Wochen dauern sollte. Danach hatte entweder ein richterlicher Haftbefehl zu ergehen oder es war polizeiliche Vorbeugungshaft zu veranlassen. Die Ermittlungsbeamten nutzten ihren Ermessensspielraum weitgehend aus. Mehr als die Hälfte der homosexueller Delikte beschuldigten Männer verbrachte länger als drei Tage bis zu drei Wochen in polizeilicher Haft, die anderen bis zu drei Tagen, bevor ein Amtsrichter darüber befand, ob sie auf freien Fuß gesetzt oder in U-Haft überstellt werden sollten.
1945 Am 16. April beginnt die sowjetische Offensive auf Berlin. Bis zum Ende des NS-Regimes verurteilt die Justiz etwa 50.000 Männer nach §§ 175 und 175a; bis zu 15.000 werden in Konzentrationslagern inhaftiert. Auch lesbische und trans* Menschen werden verfolgt, jedoch nicht aufgrund des § 175. Sie geraten etwa wegen politischer Zuschreibungen, „Asozialität“, Prostitution oder anderer Verfolgungsgründe in Haft.
1969 Die Bundesrepublik lockert § 175: Einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Männern ab 21 Jahren werden straffrei. Für jüngere Männer gelten weiterhin diskriminierende Sonderbestimmungen.
1971/1972 Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ erscheint 1971 und wird 1972 im Fernsehen gezeigt.
1973 Das Schutzalter des § 175 wird von 21 auf 18 Jahre gesenkt. Sexuelle Kontakte erwachsener Männer mit Männern unter 18 bleiben strafbar; für heterosexuelle und lesbische Kontakte gelten niedrigere Altersgrenzen.
1981 Das Auftreten der Immunschwächekrankheit Aids und vermehrte rechtsextreme und nationalistische Strömungen führen zu Übergriffen auf Homosexuelle.
AD SOPHIENSÆLE Februar 1987 Im Durchgang wird eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an die Arbeiterbewegung und bezeichnet das Haus als „Ausbeutungsstätte für ausländische Zwangsarbeiter“, nennt jedoch keine einzelne(n) Betroffene(n).
1989 Die DDR hebt § 151, die strafrechtliche Sonderbestimmung für homosexuelle Kontakte mit Jugendlichen, auf. Damit gelten für homo- und heterosexuelle Handlungen grundsätzlich dieselben Schutzaltersgrenzen.
1990 Nach der Wiedervereinigung gilt § 175 weiterhin im Gebiet der früheren Bundesrepublik, nicht aber in den ostdeutschen Bundesländern. Damit bestehen vorübergehend unterschiedliche strafrechtliche Regelungen.
1994 Der Bundestag streicht § 175 ersatzlos. Damit endet die strafrechtliche Sonderbehandlung männlicher Homosexualität. Zwischen 1969 und 1994 waren noch 3.545 Verurteilungen erfolgt.
1995 Forderungen nach einer umfassenden Aufhebung und Entschädigung der §-175-Urteile bleiben zunächst erfolglos. Forschende wie Claudia Schoppmann machen zugleich die Verfolgung lesbischer Frauen sichtbar.
1997 Amnesty International berichtet weltweit über Todes- und Haftstrafen sowie staatlich geduldete Gewalt gegen homosexuelle Menschen. Die rechtliche Lage unterscheidet sich je nach Staat erheblich.
1998 Mehrere europäische Staaten erkennen gleichgeschlechtliche Partnerschaften rechtlich an. Auch in Deutschland wächst der politische Druck zur Einführung einer eingetragenen Lebenspartnerschaft.
2000 Die rot-grüne Bundesregierung bringt den Entwurf für das Lebenspartnerschaftsgesetz ein. Es soll gleichgeschlechtlichen Paaren erstmals eine staatlich anerkannte Partnerschaft ermöglichen.
AD SOPHIENSÆLE 2000/2001 Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ beginnt mit Entschädigungszahlungen. Viele ehemalige Zwangsarbeiter*innen sind zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben oder nicht mehr auffindbar: Von den einst über 13 Millionen Zwangsarbeiter*innen lebten damals noch 2,4 Millionen. Bis 2007 erhielten davon 1,7 Millionen Menschen in 98 Ländern eine Entschädigung, verlautbart die Stiftung auf ihrer Website.
2001 Das Lebenspartnerschaftsgesetz tritt in Kraft. Gleichgeschlechtliche Paare können nun eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen, bleiben Ehepaaren rechtlich aber zunächst nicht vollständig gleichgestellt.
2002 Der Bundestag hebt die während der NS-Zeit nach der verschärften Fassung der §§ 175 und 175a ergangenen Urteile auf. Die Urteile der Bundesrepublik und DDR bleiben zunächst bestehen.
2017 Auch nach 1945 ergangene Urteile wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen werden aufgehoben. Zugleich wird die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. Neue Lebenspartnerschaften sind seither nicht mehr möglich.
2023
Deutschland: Erstmals widmet der Bundestag seine Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus den verfolgten sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten. Jannik Schümann erinnert an Karl Gorath.
In rund einem Drittel der Staaten weltweit werden einvernehmliche homosexuelle Handlungen strafrechtlich verfolgt. In mehreren Ländern kann dafür die Todesstrafe verhängt oder rechtlich hergeleitet werden.
Uganda: Uganda führt unter den Augen der internationalen Medien die Todesstrafe für bestimmte Fälle „schwerer Homosexualität“ ein. Andere gleichgeschlechtliche Handlungen, ihre versuchte Ausübung und die Unterstützung queerer Menschen werden mit hohen Haftstrafen bedroht.
Österreich: Die Wiener FPÖ fordert ein gesetzliches Verbot von Drag-Veranstaltungen für Kinder und macht das Thema zum Gegenstand einer Sondersitzung des Wiener Landtags. Ein solches Verbot wird nicht beschlossen.
Italien: Die Regierung Meloni geht gegen die amtliche Eintragung beider Elternteile in Regenbogenfamilien vor. Dies erschwert vor allem die rechtliche Anerkennung der nicht leiblichen Mutter.
USA: Auch in den USA werden queerfeindliche Bewegungen lauter: Florida weitet das Verbot schulischen Unterrichts über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität bis zur achten Schulstufe aus. Gouverneur Ron DeSantis unterzeichnet die entsprechende Regelung, Florida beschränkt im selben Jahr geschlechtsangleichende Behandlungen Minderjähriger stark und erlässt weitere Vorgaben für trans* Menschen. Bereits begonnene Behandlungen sind nur unter engen Bedingungen ausgenommen. Und: Nach ihrer scharfen Kritik an einem Verbot geschlechtsangleichender Behandlungen darf die trans* Abgeordnete Zooey Zephyr nicht mehr im Plenum des Parlaments von Montana sprechen.
2024
Griechenland: Griechenland öffnet als erstes mehrheitlich orthodoxes Land die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Das Gesetz stärkt zugleich die Rechte gleichgeschlechtlicher Eltern.
Irak: Der Irak stellt gleichgeschlechtliche Beziehungen ausdrücklich unter Strafe. Betroffenen drohen zehn bis fünfzehn Jahre Haft; auch trans Menschen und queerer Aktivismus werden kriminalisiert.
Georgien: Georgien beschließt ein Gesetzespaket gegen queere Rechte. Es schränkt unter anderem öffentliche Versammlungen, Darstellungen von LGBTIQ+ Themen und die rechtliche Anerkennung von trans* Menschen ein.
Deutschland: Am 1. November tritt das Selbstbestimmungsgesetz in Kraft. Volljährige können Geschlechtseintrag und Vornamen durch eine Erklärung beim Standesamt ändern; das frühere „Transsexuellengesetz“ entfällt.
2025
Thailand: Thailand öffnet als erstes Land Südostasiens die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Das Gesetz sichert ihnen unter anderem gleiche Rechte bei Adoption, Erbschaft und Scheidung.
Ungarn: Ungarn ermöglicht das Verbot von Pride-Veranstaltungen. Die Polizei darf Gesichtserkennung einsetzen, um Teilnehmende zu identifizieren und mit Geldstrafen zu belegen.
Uganda: Zwei Jahre nach Einführung des Anti-Homosexualitätsgesetzes berichten Menschenrechtsorganisationen von zunehmender Gewalt, Erpressung, Vertreibung und staatlicher Diskriminierung queerer Menschen.
Slowakei: Die Slowakei schreibt in ihrer Verfassung nur zwei Geschlechter fest und stärkt ein traditionelles Familienverständnis. Menschenrechtsorganisationen warnen vor Einschränkungen queerer Rechte.
2026
Belarus: Belarus verbietet die „Propaganda“ gleichgeschlechtlicher Beziehungen, von Geschlechtsangleichungen und Kinderlosigkeit. Das Gesetz orientiert sich an der repressiven Politik Russlands.
Türkei: Bei landesweiten Razzien werden zahlreiche queere Aktivist*innen festgenommen, Vereinsräume durchsucht und Internetseiten gesperrt. Der Europarat kritisiert das Vorgehen als Angriff auf Grundrechte.
MUSIK DU BIST MUSIK
HEIMATLAND
Ach Heimat, ach Heimat, du wunderbares Land
Dein Lied wird in mir niemals schweigen
Und ruft mich der Himmel, und reicht er mir die Hand
So wirst doch nur du Heimat bleiben
Doch magst du deine Farben und deine Lieder noch?
Hörst du noch auf den Namen, in dem ich Blut vergoss?
Ach Heimat, ach Heimat, du wunderbares Land
Kannst du deine Kinder noch lieben?
Text/Gesang: Sarah Muldoon | Komposition: „O Värmeland“ von Helmut Zacharias und seinem Orchester
Nesterval hat sich im Zuge der Produktion sehr genau mit dem Thema Musik auseinander gesetzt und auch historische Stücke verwendet, aber auch sehr bewusst auf rein nationalsozialistische Komponist*innen/Interpret*innen verzichtet. Informationen zu den verwendeten Liedern finden sich unter „Namenlose Lieder“.
VERWENDETE LITERATUR EINE AUSWAHL
Beachy 2015
Robert Beachy, Das andere Berlin: Die Erfindung der Homosexualität: Eine deutsche Geschichte 1867 – 1933, Siedler, 2015.
Boeckl-Klamper/u.a. 2020
Elisabeth Boeckl-Klamper/Thomas Mang/Wolfgang Neugebauer, Gestapo-Leitstelle Wien 1938–1945, Wien 2020.
Bundesstiftung Magnus Hirschfeld 2014
Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (Hg.), Forschung im Queerformat: Aktuelle Beiträge der LSBTI*-, Queer- und Geschlechterforschung, Bielefeld 2014.
Brunner 2023
Andreas Brunner: Als homosexuell verfolgt. Wiener Biografien aus der NS-Zeit. Wien 2023.
Brunner/Sulzenbacher 2023
Andreas Brunner/Hannes Sulzenbacher (Hg.): Homosexualität und Nationalsozialismus in Wien. Wien 2023.
Dany 2008
Hans Christian Dany: Speed, eine Gesellschaft auf Droge, Hamburg 2008.
Demps 1986
Laurenz Demps: Zwangsarbeiterlager in Berlin 1939-1945, Berlin 1986.
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Jens Dobler: Von anderen Ufern. Geschichte der Berliner Lesben und Schwulen in Kreuzberg, Berlin 2003.
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Lutz van Dijk, „Ein erfülltes Leben – trotzdem …“. Erinnerungen Homosexueller 1933–1945, Reinbek bei Hamburg 1992.
Dijk 2017
Lutz van Dijk, Einsam war ich nie. Schwule unter dem Hakenkreuz 1933–1945, Berlin 2017.
Derschmidt 2015
Friedemann Derschmidt, Sag Du es Deinem Kinde! Nationalsozialismus in der eigenen Familie, Wien 2015.
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Viktor E. Frankl, … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, München 2000.
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Eike Geisel: Im Scheunenviertel. Bilder, Texte, Dokumente, Berlin 1981.
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Thore D. Hansen/Brunhilde Pomsel, Ein deutsches Leben. Was uns die Geschichte von Goebbels’ Sekretärin für die Gegenwart lehrt, München 2021.
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IM STÜCK Hinweise zu den im Stück verwendeten NS-Reden und -Flugblättern
Quellenangabe der im Stück verwendeten Reden
Prolog: Rede Himmlers vor Gruppenführern zum Thema Homosexualität (18.2.1937) aus: Bradley F. Smith/Agnes F. Peterson, Heinrich Himmler Geheimreden 1933 bis 1945 und andere Ansprachen, Ludwigsburg 1974, S. 93–104 (Auszug).
Szene 4: Hitlers Rede vor dem Deutschen Reichstag am 1. September 1939 aus: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_n4_bsb00000613_00046.html – zuletzt abgerufen am 16.04.2023.
Quellenangaben der als Requisiten verwendeteten Feindflugblätter
Titelseite des Feindflugblattes der SS-Standarte „Kurt Eggers“, „Südstern“ für amerikanische und britische Soldaten an der Italienfront, Codezeichen AI-050-3-44, März 1944, 2 Seiten, 15 x 21 cm. Von der Serie „The Girl You Left Behind“ sind zwei Seiten bekannt: AI-047-3-44 bis AI-0161-11-44, die sich nur im Codezeichen geringfügig unterscheiden. Signatur der Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung: Einbl. 1939/45, 1807, G 22.
CAST
Fotografie: © Alexandra Thompson für Nesterval 2026
